Gomringer, Nora
Geboren am 26.01.1980 in Neunkirchen/Saar
Deutsch-schweizerische Lyrikerin, Rezitatorin.
Gomringers Eltern sind die deutsche Germanistin Nortrud Gomringer, geborene Ottenhausen (1941–2020) und der bolivianisch-schweizerische Avantgarde-Lyriker und ehemalige Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie Eugen Gomringer (1925–2025). Sie ist die einzige Tochter des Ehepaares und Schwester von sieben älteren Halbbrüdern.
Aufgewachsen ist Gomringer in Wurlitz bei Hof in Oberfranken. 1996 zog sie nach Bamberg. Die Schulausbildung schloss sie 1998 in Lititz im US-Bundesstaat Pennsylvania mit dem amerikanischen High-School-Diplom und 2000 am Franz-Ludwig-Gymnasium Bamberg mit dem Abitur ab. Anschließend nahm Gomringer das Studium der Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg auf, das sie 2006 abschloss. Praktika und Arbeitsaufenthalte absolvierte sie am Leo Baeck Institute in New York City (2001 und 2004) und am Archiv der Academy of Motion Picture Arts and Sciences in Los Angeles (2000).
Sie lebt in Bamberg, wo sie seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.
Auszeichnungen unter anderem:
2011: Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache
2012: Joachim-Ringelnatz-Preis
2015: Ingeborg-Bachmann-Preis
2023: Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur
Werke unter anderem:
Gedichte aus/auf Netzhaut – vom Verhandeln des Poetischen im Öffentlichen. Lyrik Kabinett (Münchner Reden zur Poesie), München 2019
Am Meerschwein übt das Kind den Tod. Ein Nachrough, Dresden 2025
Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Ein Nachrough
Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin und wundere mich, wie wenig sie sich beschwören lässt, wenn ich es will. Sie hat sich - nun himmlisch - endlich emanzipiert. Ich schreibe über meine mannigfaltige Mutter, ihre Weisheit und Komik, ihren Mann, die Sache mit den Meerschweinchen und mich.
Mein Einwurf
Nicht einfach, in den Text hineinzukommen, da sie aus einer anderen Welt kommt, in einer anderen Welt aufgewachsen ist und dies manchmal für mich auch etwas zu deutlich herausstellt.
Bei den Eltern muß sie schon als Kind alles können, ja sogar schon den Tod üben. Manchmal hatte ich beim Lesen den Eindruck, daß es sich mehr um einen "Nachrough" auf ihre Kindheit, als auf ihre Mutter handelt. Ja, auf die Familie Gomringer. Aber alles eben autofiktional. Die Familie war wohl nie wirklich eine. Wobei die ganze Verwandtschaft für mich nur ein grausiges Durcheinander ist. Und die drei Ratschläge, die sie von ihrer Mutter bekommt, passen in diese eigentlich nicht vorhandene Familie: "Erstens, keine Kinder vor 16. Zweitens immer genug Geld, um mindestens drei Wochen verschwinden zu können. Hotel und alles. Und drittens, nicht heiraten vor 50 - und wenn es sein muss, dann einen reichen Mann." Kann es sein, daß ihre Mutter sie in ihrer Jugend benutzte, um sie zu dem werden zu lassen, was sie gerne werden wollte ? Sie hat unter dem Leben im Schatten ihres Mannes genauso gelitten, wie unter seinen zahlreichen Affären und unter den aus all dem entstandenen Depressionen und Aufenthalten in der Klinik. Nora wurde zu iher Trösterin und zur Schlichterin in der Ehe ihrer Eltern. Sie war nicht Teil von ihnen, sondern eher Vermittlerin der einzelnen Teile der Familie.
Am Meerschwein übt das Kind den Tod. Kann man den Tod üben ? Sollte man ihn überhaupt üben ? Ja, wenn man das Leben lernen will, darf man den Tod nicht ausschließen. Ob beim Meerschweinchen oder einem lieben Verwandten, Bekannten. Schon das Kind entkommt ihm nicht. "schweigen" ist keine Lösung. Ist es nicht für Nora Gomringer, war es nicht für ihre Mutter und nicht für ihren Vater.Auch, wenn ihr kindliches Versagen in mancher Situation von ihm nur mit Schweigen quittiert wurde. Und schweigen bewältigt keine Trauer. Das hat sie schon als Kind erfahren. Und das Schweigen der Gesellschaft überwindet sie hier in einer leisen, aber deutlichen Sprache. Manchmal auch in einer gläubigen. Und der Tod ist für sie nichts Endgültiges. Ihre tote Mutter kehrt immer wieder in ihr Leben zurück. Das erinnert mich ein bißchen an Sibylle Lewitscharoff "Von oben". Wie sagte Nora am Ende: "Wie die Warte meiner Mutter auf uns und das alles heute ist, weiß ich nicht."
Konkrete Poesie: "Die Wörter, Buchstaben und Satzzeichen werden aus ihrem grammatischen Zusammenhang gelöst und treten als eigenständige Elemente auf." Das ist sie, die Familie Gomringer.
Und dann habe ich noch einmal das Rednerheft mit der Dankesrede von Nora Gomringer zum Jacob-Grimm-Preis 2011 herausgesucht und zwei Sätze gefunden, die genau zu den Ausführungen in der Nachrough passen: "...meinen ersten Slam-Auftritt"....wo "meine Mutter mich freundlich hindrängte." Und : "Mein Vater ist nicht die Sonne, er ist der Sonnenschirm."
Dieser erste Prosaversuch der Autorin ist mehr als ein Versuch, es ist der Beweis, daß Lyrik und hier die Konkrete Poesie, auch einen Roman beinhalten kann.